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Die Jahreslosung 2027 lautet: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“ (Jesaja 41,10, Einheitsübersetzung). Ausgewählt hat sie die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen im April 2024 in Berlin, aus 25 Vorschlägen ihrer 23 Mitgliedswerke. Hier findest du die Auslegung des Verses, den Zusammenhang in Jesaja 41, den Wortlaut bei Luther und die zwölf Monatssprüche, die dazugehören.
„Fürchte dich nicht“ ist einer der Sätze, die die Bibel am häufigsten an Menschen richtet.
Das macht ihn als Jahreslosung zugleich naheliegend und riskant. Naheliegend, weil jeder ihn versteht. Riskant, weil er so oft gesagt wurde, dass man ihn überhört.
Die Auslegung unten versucht deshalb, den Satz wieder als das zu lesen, was er in Jesaja 41 ist: ein Zuspruch an Leute, denen gerade nicht nach Mut zumute war.
Die Jahreslosung 2027 im Wortlaut
Der offizielle Text folgt der Einheitsübersetzung:
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“ (Jesaja 41,10)
Wer mit der Lutherbibel aufgewachsen ist, kennt den Vers in anderer Gestalt. Luther 2017 übersetzt: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott.“ Und er lässt den Satz weiterlaufen: „Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Die Jahreslosung zitiert also nur die erste Hälfte des Verses. Die zweite Hälfte, mit dem Stärken, Helfen und Halten, gehört zum Verständnis dazu, und die meisten Auslegungen holen sie wieder herein.
Ein Unterschied lohnt einen Blick. Die Einheitsübersetzung sagt „hab keine Angst“, wo Luther „weiche nicht“ schreibt, und das hebräische Wort meint beides: sich ängstlich umschauen und dabei zurückweichen.
Angst ist in diesem Vers auch eine Bewegung. Sie treibt einen vom Platz.
Woher der Vers kommt: Jesaja 41 und das Exil
Die Kapitel 40 bis 55 des Jesajabuches sprechen in eine bestimmte Lage hinein. Jerusalem ist zerstört, der Tempel liegt in Trümmern, und ein großer Teil des Volkes lebt seit Jahrzehnten in Babylon, verschleppt, ohne Aussicht auf Rückkehr.
An diese Leute richtet sich Jesaja 41. Bevor der Vers 10 kommt, spricht Gott sie mit Namen an. In der Übersetzung Luthers von 1912:
„Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Samen Abrahams, meines Geliebten, der ich dich gestärkt habe von der Welt Enden her und habe dich berufen von ihren Grenzen und sprach zu dir: Du sollst mein Knecht sein; denn ich erwähle dich, und verwerfe dich nicht, fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ (Jesaja 41,8-10)
Das „Fürchte dich nicht“ steht also mitten in einem langen Satz. Vorher wird erzählt, wer da angesprochen wird: ein erwähltes, berufenes, nicht verworfenes Volk. Der Mut, den der Vers fordert, hat eine Vorgeschichte.
Ein paar Verse später wiederholt Gott den Zuspruch, und diesmal mit einer Geste: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand stärkt und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir!“ (Jesaja 41,13). Wer jemandem die Hand hält, muss ihn nicht überreden, keine Angst zu haben.
Auslegung: Die Jahreslosung 2027 in fünf Schritten
Der Vers ist kurz, aber er ist gebaut. Jede Hälfte hat einen Befehl und eine Begründung, und die Reihenfolge ist der Schlüssel.
1. „Fürchte dich nicht“
Der Vers beginnt bei der Furcht, weil sie da ist. Israel in Babylon hatte allen Grund dazu, und die Bibel tut nie so, als wäre Angst ein Zeichen von schwachem Glauben. Angst wird hier angesprochen wie eine Person, die im Raum steht.
2. „denn ich bin mit dir“
Der Grund, den der Vers nennt, ist eine Ortsangabe. Gott sagt, wo er ist, und lässt die Lage, wie sie ist.
Das ist der Unterschied zwischen einem Rat und einem Zuspruch, und die Jahreslosung ist das Zweite.
3. „hab keine Angst“
Die Wiederholung ist Absicht. Hebräische Poesie sagt Wichtiges zweimal, mit leicht verschobenen Worten, und beim zweiten Mal wird aus dem Fürchten das Zurückweichen. Der Vers rechnet damit, dass einer den ersten Zuspruch hört und trotzdem einen Schritt zurück macht.
4. „denn ich bin dein Gott“
Die zweite Begründung ist enger als die erste. „Mit dir“ sagt, wo Gott ist, „dein Gott“ sagt, wem er gehört.
Das Possessivpronomen ist der eigentliche Trost des Verses, und es steht in der Einzahl. Angesprochen ist ein Volk, gesagt wird „du“.
5. „ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich“
Die Fortsetzung bei Luther, die die Jahreslosung weglässt. Drei Verben, in steigender Nähe: stärken kann man aus der Ferne, helfen braucht Gegenwart, halten braucht eine Hand. Wer den Vers auslegt, sollte diesen Halbsatz mitlesen, sonst bleibt der Zuspruch abstrakt.
„Fürchte dich nicht“ durch die ganze Bibel
Der Satz der Jahreslosung ist keine Erfindung Jesajas. Er begleitet die Bibel von Abraham bis zum leeren Grab, und fast immer sagt ihn Gott oder ein Bote Gottes zu einem Menschen, der gerade etwas Großes vor sich hat.
Abram hört ihn in einer Vision: „Fürchte dich nicht Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ (1. Mose 15,1) Israel hört ihn zwei Kapitel nach der Jahreslosung noch einmal, mit Namen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1) Die Hirten hören ihn in der Weihnachtsnacht, die Frauen am Ostermorgen: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.“ (Matthäus 28,5)
Oft wird behauptet, „Fürchte dich nicht“ stehe 365-mal in der Bibel, einmal für jeden Tag. Die Zahl ist schön und lässt sich nicht belegen; eine Zählung des Malteser Geistlichen Zentrums von 2020 kommt auf 126 Stellen. Der Satz braucht die Statistik nicht.
Eine Auswahl dieser Stellen mit kurzer Erklärung findest du bei den Bibelversen gegen Furcht, und wer den Zuspruch lieber als Gebet spricht, bei dem Gebet gegen die Furcht.
Die Jahreslosung 2027 in Andacht und Predigt
Die Jahreslosung wird am Neujahrstag gepredigt, hängt danach ein Jahr lang im Gemeindehaus und taucht bei Konfirmationen, Krankenbesuchen und Beerdigungen wieder auf. Drei Zugänge, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Neujahr: Vom Ende her lesen. Was im Jahr davor Angst gemacht hat, wird benannt, bevor der Zuspruch kommt. Ein „Fürchte dich nicht“ ohne vorheriges Benennen der Furcht klingt wie ein Kalenderspruch.
- Konfirmation: Über das „du“ predigen. Der Vers wurde einem ganzen Volk gesagt und trotzdem in der Einzahl. Jeder Konfirmand bekommt ihn persönlich, keiner bekommt ihn allein.
- Krankenbesuch: Bei Vers 13 bleiben und die Hand nehmen. Der Vers erklärt nichts, und am Bett ist das seine Stärke.
Und eine Warnung, die man aussprechen sollte: Der Vers ist ein Versprechen, kein Befehl. Wer ihn als „Hab dich nicht so“ predigt, hat ihn umgedreht. Gott schickt in Jesaja 41 niemanden mutig los, er stellt sich neben jemanden, der Angst hat.
Die Monatssprüche 2027
Zur Jahreslosung gehören zwölf Monatssprüche, die die Arbeitsgemeinschaft zusammen mit ihr veröffentlicht. Für 2027 sind es diese:
- Januar: „Gott sprach: Es werde Licht!“ (1. Mose 1,3)
- Februar: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen (Römer 5,5)
- März: Die Frauen verlassen das Grab voll Furcht und großer Freude (Matthäus 28,8)
- April: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an (1. Samuel 16,7)
- Mai: Ich vergesse, was hinter mir liegt (Philipper 3,13)
- Juni: Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen (Hiob 42,5)
- Juli: Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen (Matthäus 9,36)
- August: Lasst die Kinder und hindert sie nicht, zu mir zu kommen (Matthäus 19,14)
- September: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Psalm 4,9)
- Oktober: Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und dabei Streit (Sprüche 17,1)
- November: Gott gibt dem Müden Kraft (Jesaja 40,29)
- Dezember: Ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände (Jesaja 49,15-16)
Auffällig ist, wie oft die Furcht der Jahreslosung in den Monatssprüchen wiederkehrt: die Frauen am Grab im März, der müde Mensch im November, das Kind in Gottes Händen im Dezember. Und der September hat mit Psalm 4,9 den Vers bekommen, den wir für die Nacht am liebsten haben. Was er für Menschen bedeutet, die nachts wach liegen, steht bei den Psalmen zum Einschlafen.
Wie die Jahreslosung ausgewählt wird
Die erste Jahreslosung gab 1930 der Pfarrer Otto Riethmüller aus, für die evangelische Jugendarbeit. Seit 1970 wählt die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen die Losung aus, ein Zusammenschluss von evangelischen, katholischen und freikirchlichen Bibelwerken, und seitdem gilt sie über die Konfessionsgrenzen hinweg.
Gewählt wird drei Jahre im Voraus, damit Verlage, Künstler und Gemeinden Zeit haben. Die Losung für 2027 fiel deshalb schon im Frühjahr 2024, in derselben Sitzung, in der die Monatssprüche festgelegt wurden.
Mit den Herrnhuter Losungen hat die Jahreslosung nur den Namen gemein. Die Tageslosungen werden in Herrnhut gezogen, per Los aus einer Sammlung alttestamentlicher Verse; die Jahreslosung wird ausgewählt, nach Abstimmung. Wie das Losen genau funktioniert und welche Ausgaben es gibt, steht bei den Herrnhuter Losungen 2026, und wie man eine Losung für sich selbst auslegt, bei der Losung heute mit Auslegung.
Häufige Fragen
Wie lautet die Jahreslosung 2027?
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“ aus Jesaja 41,10, in der Einheitsübersetzung.
Wer hat die Jahreslosung 2027 ausgewählt?
Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bei ihrer Sitzung vom 15. bis 17. April 2024 in Berlin, aus 25 Vorschlägen von 23 Mitgliedswerken.
Wie heißt der Vers bei Luther?
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ (Lutherbibel 2017)
Was war die Jahreslosung 2026?
„Siehe, ich mache alles neu!“ aus Offenbarung 21,5.
Darf ich die Jahreslosung in Gemeindebrief und Predigt verwenden?
Ja. Der Vers selbst ist frei, nur die Bildmotive der Verlage sind geschützt. Wer den offiziellen Wortlaut nennt, sollte bei der Einheitsübersetzung bleiben und nicht stillschweigend eine andere Übersetzung darunterschreiben.
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Fazit: Ein Jahr unter „Fürchte dich nicht“
Die Jahreslosung 2027 verspricht Gesellschaft in der Angst. Für ein Jahr, von dem niemand weiß, was es bringt, ist das die ehrlichere Zusage als ein Jahr ohne Angst.
Wenn dir der Vers abends im Kopf bleibt: In der Still-App gibt es Abendgebete und Psalmen zum Anhören, ruhig gesprochen, für die Minuten, in denen die Furcht am lautesten ist. Lade Still im App Store. Einen Überblick über die anderen Andachts-Apps gibt unser Vergleich.
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