Prayer

Der aaronitische Segen: Text, Herkunft und Bedeutung

Eine Gestalt im Gewand steht auf einem grünen Hügel und spricht zu einer kleinen Gruppe von Menschen, vor einer großen leuchtenden Sonne.

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Der aaronitische Segen ist der Segen aus 4. Mose 6,24-26: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Gott gibt ihn Aaron und den Priestern, damit sie das Volk Israel segnen, und seit Luther beschließt er fast jeden evangelischen Gottesdienst. Unten findest du den Text, die Erklärung jeder Zeile, seine Geschichte und Anlässe, zu denen du ihn selbst sprechen kannst.

Wahrscheinlich kennst du ihn, ohne je nachgeschlagen zu haben, wo er steht. Am Ende des Gottesdienstes, mit erhobenen Händen gesprochen, kurz bevor die Orgel einsetzt.

Ich habe ihn als Kind in der Dorfkirche meiner Oma bei Kaiserslautern gehört, jeden Sonntag, mit demselben Pfarrer und derselben Handbewegung. Verstanden habe ich ihn erst viel später. Dass er älter ist als jede Bibelhandschrift, wusste ich damals nicht.

Drei Zeilen, die nichts fordern. Sie sagen dir, was Gott für dich tut, und das unterscheidet sie von fast allem anderen, was in einer Kirche gesprochen wird.

Wie lautet der aaronitische Segen?

So steht er in der Lutherbibel von 1912, die du frei verwenden darfst:

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

(4. Mose 6,24-26, Luther 1912)

Die Lutherbibel 2017 hat an diesen drei Versen kein Wort geändert. Die katholische Einheitsübersetzung sagt in der dritten Zeile „Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden“ (4. Mose 6,26, Einheitsübersetzung 2016); der Sinn ist derselbe.

Im Gottesdienst hörst du ihn meist in der Mehrzahl: „Der HERR segne euch und behüte euch.“ Die Bibel selbst hat die Einzahl. Gott segnet nicht eine Menge, er segnet dich.

Wo steht der aaronitische Segen in der Bibel?

Im vierten Buch Mose, Kapitel 6, Verse 24 bis 26. Die Verse davor und danach erklären, wozu er da ist:

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet: [der Segen] Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß ich sie segne. (4. Mose 6,22-23.27, Luther 1912)

Aaron ist der Bruder des Mose und der erste Hohepriester Israels, deshalb heißt der Text aaronitischer Segen oder Priestersegen. Die Priester sprechen ihn, aber der letzte Vers stellt klar, wer segnet: „daß ich sie segne.“

Der Priester legt den Namen Gottes auf die Menschen. Den Rest tut Gott.

Wie alt der Text ist, zeigte sich 1979 in Jerusalem. Der Archäologe Gabriel Barkay fand in einer Grabanlage am Hang Ketef Hinnom zwei winzige, zusammengerollte Silberstreifen, der größere aufgerollt knapp zehn Zentimeter lang. Eingeritzt stand darauf eine Kurzform des Segens aus 4. Mose 6.

Die Röllchen werden meist ins späte 7. oder frühe 6. Jahrhundert vor Christus datiert. Damit sind sie der älteste erhaltene Bibeltext überhaupt, Jahrhunderte älter als die Schriftrollen von Qumran (Biblical Archaeology Society über die Amulette von Ketef Hinnom). Heute liegen sie im Israel-Museum in Jerusalem. Man trug sie als Amulett am Körper.

Was bedeuten die drei Zeilen?

Der Segen hat drei Zeilen, und jede Zeile hat zwei Hälften: etwas, das Gott tut, und etwas, das daraus folgt. Im Hebräischen wachsen die Zeilen von drei über fünf auf sieben Wörter, als würde der Segen mit jedem Satz breiter.

„Der HERR segne dich und behüte dich“

Segnen heißt im Alten Testament: Leben geben, gedeihen lassen. Behüten ist das Wort des Hirten, der die Herde bewacht; in Psalm 121 kommt es sechsmal vor: „Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ (Psalm 121,8). Die erste Zeile spricht also von deinem Alltag, vom Rausgehen und Heimkommen.

„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“

Wenn ein Gesicht leuchtet, freut sich jemand, dich zu sehen. Das ist das Bild: Gott schaut dich an, und sein Gesicht wird hell dabei.

Gnädig sein bedeutet, dass diese Freundlichkeit nicht von deiner Leistung abhängt. Du musst nichts mitbringen.

„Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“

Wer das Gesicht hebt, wendet sich dir zu. Und Frieden, hebräisch Schalom, ist das Wort für ein Leben, in dem nichts fehlt: Gesundheit, Auskommen, gute Beziehungen, ein ruhiges Gewissen. Die letzte Zeile ist die weiteste.

Dreimal steht „der HERR“ in Großbuchstaben. So kennzeichnet die Lutherbibel den Gottesnamen JHWH. Der Segen legt diesen Namen dreimal auf dich; genau das meint Vers 27.

Wann wird der Segen gesprochen?

Am häufigsten am Ende des evangelischen Gottesdienstes. Martin Luther schlug ihn 1523 in seiner Formula missae vor und machte ihn 1526 in der Deutschen Messe zum einzigen Schlusssegen; Zwingli und Calvin übernahmen ihn.

Seitdem endet in fast allen reformatorischen Kirchen der Gottesdienst mit demselben Satz. Die EKD schreibt dazu: „Seit der Reformation wird der sogenannte Aaronitische Segen, zu deutsch ‚Priestersegen‘, in fast allen evangelischen Gottesdiensten gesprochen.“ Und weiter: „Dieser Segen wurde zum Kennzeichen evangelischer Gottesdienste. Er verdeutlicht, dass wir Menschen nicht alles von uns selbst erwarten müssen, sondern dass hinter allen Dingen Gott steht, auf den wir vertrauen dürfen“ (EKD, „Aaronitischer Segen“).

Wie oft das geschieht, lässt sich beziffern. 2024 feierten die evangelischen Gemeinden in Deutschland 716.831 Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, Heiligabend nicht mitgerechnet, dazu 34.297 digitale Gottesdienste; an einem durchschnittlichen Sonntag saßen 474.127 Menschen darin (EKD-Statistik, veröffentlicht am 19. August 2026). Am Ende fast jedes dieser Gottesdienste standen dieselben drei Zeilen.

Die katholische Kirche hat ihn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die Messe aufgenommen. Dort ist er einer von mehreren feierlichen Schlusssegen, verbunden mit der Nennung des dreieinigen Gottes und dem Kreuzzeichen. In der Kapelle auf dem Stützpunkt meiner Kindheit, wo ein Kaplan reihum für alle Konfessionen predigte, war er der eine Satz, den jeder im Raum mitsprechen konnte.

Sein Ursprung liegt in der Synagoge. Dort heißt er Birkat Kohanim, Priestersegen, und wird von den Nachfahren Aarons mit erhobenen Händen gesprochen, in Israel täglich, anderswo an Sabbat und Feiertagen. An der Westmauer in Jerusalem sprechen ihn seit 1970 an Pessach und Sukkot Hunderte Kohanim gemeinsam, mit Lautsprechern über den ganzen Platz (Wikipedia: Aaronitischer Segen).

Dazu kommen Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Und viele Eltern sprechen ihn abends über ihren Kindern, mit der Hand auf dem Kopf.

Welche 7 Bibelstellen nehmen den Segen auf?

Vor allem Psalmen, die vom leuchtenden Angesicht und vom Behüten sprechen, dazu zwei Stellen im Neuen Testament. Der Segen hat in der Bibel ein Echo. Die Psalmen greifen das leuchtende Angesicht und das Behüten immer wieder auf, und im Neuen Testament klingt er in den Grußworten der Briefe nach. Sieben Stellen nach Luther 1912, jeweils mit dem Anlass, zu dem sie passen.

  1. Psalm 67,2 „Gott sei uns gnädig und segne uns; er lasse uns sein Antlitz leuchten.“ Der Segen, in ein Gebet gedreht: Hier bittet die Gemeinde um das, was der Priester ihr zuspricht. Für den Anfang eines Gebets.

  2. Psalm 4,7 „HERR, erhebe über uns das Licht deines Antlitzes!“ Der Psalm, der zwei Verse später mit „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden“ endet. Für den Abend.

  3. Psalm 31,17 „Laß leuchten dein Antlitz über deinen Knecht; hilf mir durch deine Güte!“ Für Tage, an denen du dich nicht angesehen fühlst.

  4. Psalm 80,4 „Gott, tröste uns und laß leuchten dein Antlitz; so genesen wir.“ Derselbe Satz steht in diesem Psalm dreimal, jedes Mal dringender. Für Krankheit und Genesung.

  5. Psalm 121,7-8 „Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele; der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Die erste Zeile des Segens, auf ein ganzes Leben ausgedehnt. Für Reisen, Umzüge, Abschiede.

  6. 2. Thessalonicher 3,16 „Er aber, der HERR des Friedens, gebe euch Frieden allenthalben und auf allerlei Weise. Der HERR sei mit euch allen!“ Paulus beendet seinen Brief, wie Aaron den Gottesdienst beendet. Für den Schluss einer Karte oder einer Nachricht.

  7. Johannes 14,27 „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Jesus nimmt die dritte Zeile des Segens am Abend vor seinem Tod auf. Für Nächte, in denen du Angst hast.

Wenn du für einen bestimmten Anlass suchst: Für Glückwünsche haben wir eine Auswahl an Bibelversen zum Geburtstag, für Trauungen die Bibelverse zur Hochzeit.

Wie gibst du den Segen weiter?

Sprich ihn. Das ist die kürzeste Antwort, und sie ist ernst gemeint.

Auf einer Karte reicht die erste Zeile. „Der HERR segne dich und behüte dich“ passt zur Geburt, zur Taufe, zum Geburtstag, zum Schulanfang und in eine Trauerkarte, weil sie nichts verspricht, was du nicht halten kannst.

Bei einer Taufe oder Trauung sprechen manche Familien ihn nach dem Pfarrer noch einmal gemeinsam über dem Kind oder dem Paar. Frag vorher; die meisten freuen sich darüber.

Am Abend ist er das kürzeste Nachtgebet, das ich kenne. Mein Sohn ist zehn und will noch zugedeckt werden; über ihm spreche ich ihn mit der Hand auf der Stirn, in der Einzahl. Meine Tochter ist fünfzehn und will das nicht mehr, also sage ich ihn leise vor ihrer Tür.

Beides ist Segen. Mehr Gebete für den Abend, auch mit Kindern, stehen in unseren Gute-Nacht-Gebeten.

Wenn du ihn lieber hören als sprechen willst, etwa weil dir am Abend die Stimme dafür fehlt: In der Still-App werden Abendgebete und Segensworte in ruhigem Tempo gesprochen, sodass du sie mitsprechen oder einfach über dir liegen lassen kannst. Einen Überblick über andere deutschsprachige Gebets-Apps gibt unser Vergleich der Gebets-Apps.

Darf ich den Segen selbst sprechen?

Ja. In der Bibel ist er den Priestern aufgetragen, aber Vers 27 sagt, dass Gott selbst segnet. Wer den Text spricht, legt den Namen Gottes auf jemanden; das kann eine Mutter, ein Großvater, eine Freundin.

Eine alte Gewohnheit behalte ich trotzdem gern: Der Pfarrer spricht „segne dich“, die Gemeinde „segne uns“. Wer sich nicht traut, jemandem den Segen zuzusprechen, sagt ihn mit ihm zusammen in der Wir-Form. Das ist ehrlich.

Und man darf ihn auch sprechen, wenn man selbst gerade nicht viel glaubt. Der Segen hängt nicht an der Stimmung dessen, der ihn sagt. Das ist, finde ich, der eigentliche Trost an diesen drei Zeilen.

Häufige Fragen

Was ist der aaronitische Segen? Der Segen aus 4. Mose 6,24-26: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Er heißt nach Aaron, dem ersten Hohepriester Israels, dem Gott ihn aufträgt.

Wo steht der aaronitische Segen? Im vierten Buch Mose, Kapitel 6, Verse 24 bis 26. Die Verse 22 bis 27 drumherum erklären, dass die Priester ihn sprechen sollen und Gott damit seinen Namen auf die Menschen legt.

Wie alt ist der aaronitische Segen? Der Text steht auf zwei Silberamuletten, die 1979 in Ketef Hinnom bei Jerusalem gefunden wurden und meist ins späte 7. oder frühe 6. Jahrhundert vor Christus datiert werden. Damit ist er der älteste erhaltene Bibeltext.

Wie oft wird der aaronitische Segen gesprochen? An jedem Sonntag mehrere tausend Mal. 2024 zählte die EKD 716.831 Präsenzgottesdienste an Sonn- und Feiertagen, und seit Luther steht der aaronitische Segen am Ende fast jedes evangelischen Gottesdienstes. Dazu kommen Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen.

Ist der aaronitische Segen evangelisch oder katholisch? Beides, und davor jüdisch. Luther machte ihn 1526 zum Schlusssegen des evangelischen Gottesdienstes, die katholische Kirche übernahm ihn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, und in der Synagoge wird er als Birkat Kohanim gesprochen.

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Fazit: Ein Segen, den du mitnehmen kannst

Der aaronitische Segen ist drei Zeilen lang, gut zweieinhalbtausend Jahre bezeugt und am Ende fast jedes evangelischen Gottesdienstes zu hören. Menschen haben ihn auf Silber geritzt und um den Hals getragen, Jahrhunderte bevor die ältesten erhaltenen Bibelhandschriften entstanden.

Er sagt dir, dass Gott dich behütet, dich ansieht und dir Frieden gibt. Er fragt dich nicht, ob du es verdient hast.

Nimm ihn mit. Sprich ihn heute Abend über jemandem, oder über dir selbst, wenn niemand da ist: „Der HERR segne dich und behüte dich.“ Mehr braucht eine Nacht nicht.

Quellen: Bibelzitate nach der Lutherbibel 1912 (gemeinfrei); Vergleich mit Lutherbibel 2017 und Einheitsübersetzung 2016 für 4. Mose 6,24-26. Gabriel Barkay, Ausgrabung Ketef Hinnom 1979; Beschreibung und Datierung der Silberamulette nach Biblical Archaeology Society; Aufbewahrung im Israel-Museum Jerusalem. Liturgiegeschichte (Formula missae 1523, Deutsche Messe 1526, Aufnahme in die römische Messe nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Birkat Kohanim an der Westmauer seit 1970) nach dem Wikipedia-Artikel „Aaronitischer Segen“ und dem WiBiLex-Artikel „Aaronitischer Segen“ (die-bibel.de). Zitate zur Bedeutung des Segens: Evangelische Kirche in Deutschland, „Aaronitischer Segen“ (ekd.de). Gottesdienstzahlen 2024 (716.831 Präsenzgottesdienste an Sonn- und Feiertagen, 34.297 digitale Gottesdienste, 474.127 Gottesdienstbesuchende im Sonntagsdurchschnitt): EKD-Statistik, veröffentlicht am 19. August 2026.

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